Die Wahl der Qual

"Die Wahl der Qual" - so der Titel des zeitgemäßen, locker geschriebenen Einsteigerbuchs von Kathrin Passig und Ira Strübel.

Wenn Du Dich in der typischen Phase anfänglicher Unsicherheit befindest, ist "Die Wahl der Qual" ein Buch, das für Dich geschrieben wurde.

Nun zur Beantwortung der Frage: Sollst genau Du Dir dieses Buch kaufen oder nicht?

Nach ein wenig Recherche im Internet war für mich klar, dass es etwa vier Möglichkeiten gab, buchmäßig an das Thema BDSM heranzugehen:

1. Wissenschaftliche Literatur, die jenseits jeder praktischen Erfahrung liegt und größtenteils veraltet ist.

2. Fiktionale Literatur, ganz prominent zum Beispiel die Geschichte der O - was aber, wenn man unsicher ist, ob das alles etwas für einen ist, doch sehr definitiv und hardcore-mäßig rüberkommt.

3. Diverse Technik-Ratgeber, wie das SM- oder das Bondage-Handbuch, die dann schon konkret werden würden. 

4. ... und es gab "Die Wahl der Qual".

"Die Wahl der Qual" wurde, so wie ich es oben auch getan habe - und ich denke, zu Recht - angepriesen als Buch für alle, die sich mit ihren Neigungen erstmal anfreunden müssen.

Es ist im Großen und Ganzen noch relativ neutral als lockere Selbstdarstellung einer gesellschaftlichen Gruppe geschrieben, so dass ich jemandem hätte erklären können: Ich finde es einfach nur interessant, was es so für verrückte Menschen auf der Welt gibt.

Dieses Buch enthält definitiv für Einsteiger wichtige Infos - im Prinzip enthält es Infos, die jeder aus der Szene einmal gehört haben sollte.

Es geht unter anderem um Rahmenbedingungen wie Legalität, Einstufung im Gesundheitssystem, Sicherheit bei Treffen, Spielarten und ähnliches.

Wenn Du nicht so wie ich eine Vorliebe dafür hast, Dir Infos von verschiedenen Websites zusammen zu suchen, findest Du mit "Die Wahl der Qual" sicherlich einen nützlichen Begleiter, der Dich diesbezüglich am Anfang etwas an der Hand nimmt.

Das Buch stellt für mich die erste Stufe beim Eintritt in die SM-Welt dar. Ich bin froh, es zu besitzen, weil ich so jederzeit einem interessierten Menschen grundlegende Infos kompakt in Buchform in die Hand drücken könnte. 

Wenn man sich traut, kann man es sich auch offen ins Bücherregal stellen und abwarten, was man daraufhin für Reaktionen bekommt.

Ein weiterer Pluspunkt ist natürlich der Schreibstil der zwei Autorinnen. Hierzu das Zitat aus dem Vorwort, das auf der Rückseite der 2. Auflage gelandet ist:

"An dem Tag, an dem Sadomasochismus genauso seltsam oder normal ist wie die zehn beliebtesten Kopulationsstellungen, können wir getrost die Hände in den Schoß legen und dort sinnvoller beschäftigen als mit Öffentlichkeitsarbeit. Vorher gibt es aber noch einiges zu tun."

Das gesamte Buch ist in einem Stil gehalten, der jegliche Zweifel an der Normalität von SM ausräumen soll. SM wird durchgängig als genauso harmlos wie andere Sexualpraktiken oder Lebensstile dargestellt.

In diesem Sinne finde ich es recht einsteigertauglich und aktuell. Die Sicht auf Sexualität, Liebesbeziehungen und Lebensarten ist genau die, die ich mir von der heutigen Gesellschaft wünsche.

Noch einen Hinweis möchte ich an dieser Stelle geben:

Für mich war dieses Buch zwar ein erster Schritt, aber nicht mehr. Es allein konnte mir nicht alle Zweifel nehmen, die ich anfangs hatte.

Meine große Frage zu Anfang war: Kann es eine Partnerin überhaupt mögen, wenn ich meine Vorlieben an ihr auslebe? Kann jemand diesen Teil von mir überhaupt mögen?

"Die Wahl der Qual" ist in dieser Hinsicht trotz vielen langen Zitaten aus Erfahrungsberichten sehr allgemein, unpersönlich oder beides und konnte mich da kaum beruhigen.

Einiges aus der "normalen" Perspektive von SMlern in diesem Buch und darüber hinaus zu lesen war nett und schön, aber an sich nicht völlig hilfreich.

Mein erster Stammtischbesuch war das erste Ereignis, welches mein Weltbild diesbezüglich korrigiert hat: Ja, diese ganz "normalen" Menschen gibt es wirklich.

Abschließend ist zu sagen, dass "Die Wahl der Qual" als Buch kein absolutes Muss ist, sondern eher eine sehr gute Möglichkeit, einen ersten Schritt zu wagen.

Ein SMJG-User