Artikel in der Waiblinger Kreiszeitung

Eintrag von psych0 am 24 July 2014 | 0 Kommentare

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Der BDSM-Stammtisch „SM & mehr“ hatte die Presse eingeladen, um über „Öffentlichkeitsarbeit in der BDSM-Szene“ zu sprechen und um einen Vergleich mit der schwul-lesbischen Szene anzustellen. Die meisten Stammgäste bleiben dem Gespräch fern. Zu sehr fürchten sie die Öffentlichkeit.
„Wenn die Presse da ist, komme ich nicht“, sagten viele beim Treffen des Stammtisches, obwohl man sich einstimmig für „aufklärende Öffentlichkeitsarbeit“ ausgesprochen hatte. So kommt es, dass nur drei Männer für die Szene sprechen: Joe Wagner und Andreas H. vom BDSM-Stammtisch und Joachim Stein, Vorsitzender der IHS-Aktivgruppe Homosexualität Stuttgart. An anderen Tagen besuchen den Stammtisch kaum einmal weniger als 20 Männer und Frauen.
Der Grund seien „diffuse Ängste“ der BDSM-Gemeinde, sagt Joe Wagner. Er ist der Einzige aus dem Zirkel, der mit vollem Namen auftritt und sich fotografieren lässt. „Ich arbeite in einem Umfeld, in dem vor einem Geschäftskontakt durchaus mal der Name gegoogelt wird“, sagt Andreas H. „Da will ich nicht im Zusammenhang mit BDSM auftauchen.“ Deshalb bleibe er anonym. Den meisten anderen Mitgliedern war der Kontakt mit Journalisten, auch ohne Namen und Foto, zu heikel. „Öffentlichkeitsarbeit ist gut, aber ich will mich nicht zeigen.“ So fasst Joe Wagner die Haltung der meisten BDSMler zusammen.
Doch nicht nur Stammgäste unterhalten sich hier über den Ruf des Sadomasochismus und wie er sich verbessern lässt. Joachim Stein engagiert sich in vielen Initiativen und Organisationen und ist seit fast 25 Jahren mit dem Thema Öffentlichkeitsarbeit in der schwul-lesbischen Szene vertraut, und hilft bei einem Vergleich der Subkulturen. So entwickelt sich auch in der kleinen Runde ein interessantes Gespräch, und es ergeben sich durchaus Diskussionen.
Den Ruf des Sadomasochismus beurteilen die Anwesenden ganz unterschiedlich. „Viele SMler haben Vorurteile, wie die Gesellschaft auf sie reagiert“, meint Joe Wagner. „Die anderen lehnen mich ab“, das sei die tiefe Überzeugung vieler Sadomasochisten. Dabei würden sie sich nur auf die eigene Befangenheit stützen. Denn im Grunde würden die meisten Menschen dem Sadomasochismus zumindest nicht ablehnend begegnen. Den Kampf darum, seine Sexualität frei ausleben zu können, führen die Menschen wohl seiner Ansicht nach eher gegen ihre eigenen Hemmungen und ihre Scham als gegen die Gesellschaft.
Durch seine Arbeit an der Öffentlichkeit will Joe Wagner nicht zuletzt auch Gleichgesinnte erreichen. „Ich möchte es schaffen, dass Teilnehmer zu normalen Gesprächskreisen kommen können.“ Das wagt bisher nur ein kleiner Teil derjenigen, die mutmaßlich sadomasochistische Neigungen haben. Sie fürchten, von ihrem Umfeld stigmatisiert zu werden.
Ob sie sich dabei so sehr täuschen? Andreas ist überzeugt, dass es noch viele Vorurteile gegenüber den Sadomasochisten gibt. „Die Auswirkungen spüren wir schon“, sagt er und führt als Beispiel die Suche nach Räumlichkeiten für Gesprächskreise und Stammtische an, die sich oft als schwierig erwiesen habe. Immerhin fänden inzwischen auch Treffen am frühen Abend statt, während man sich noch vor einiger Zeit frühestens um zehn getroffen habe. „Daran kann man etwas festmachen“, sagt Joachim Stein: „Die trauen sich jetzt auch, wenn es noch hell ist.“
„Die SM-Szene hat sich immer an der Emanzipationsbewegung der Schwulengemeinde orientiert“, sagt Joe Wagner. „Die Strukturen kann man sich abgucken.“ Die richtige Vernetzung sei aber bisher nicht gelungen. Er möchte das sogar noch verallgemeinern und sagt: „Alle Subkulturen sollten voneinander lernen.“ Und ohne dass es eine Abgrenzung geben müsse. Ein weiter Aspekt verbindet BDSM und Homosexualität: Die Jugendarbeit ist umstritten. „Sie behält immer den Geschmack der Verführung“, sagt Stein. Aber er stellt gleich klar: „Entweder ich habe diese Empfindung oder nicht.“ Die Teilnehmer des Gesprächs sind alle jenseits der 40, nicht nur Frauen, auch Jugendliche mit sadomasochistischen Neigungen haben hier keine Stimme.
Die Jugendorganisation, die SMJG, ist vorsichtig bei ihrer Öffentlichkeitsarbeit. Sie versuche, sich vor allem an die Medien zu wenden, von denen sie eine ausgewogene Berichterstattung erwarten kann, sagt ein Sprecher. „Wir wollen keine Berichterstattung, wo man uns jedes Wort im Mund umdreht.“ Er nennt den Namen RTL2. Der fällt auch beim Stammtisch in Kernen das eine oder andere Mal. Die Sendungen dort gelten beinahe schon als Synonym für mit Klischees überfrachtete Berichterstattung über BDSM. Entweder werde die Neigung pathologisiert – oder als Lifestyle abgetan. Immer mit enger Verknüpfung zum Rotlicht, sagt Andreas H. „Und das verträgt sich nicht mit dem bürgerlichen Leben, das ich führe.“ Ein Grund mehr für ihn, anonym aufzutreten.
Die Anonymität kann in der Öffentlichkeit die richtige Lösung sein, aber die SMler müssen auch einen Weg finden, ihre Sexualität mit dem Privatleben zu vereinen. Sadomasochismus und Homosexualität teilen sich einen zentralen Begriff: den des „Coming-out“. Die Beteiligten müssen zunächst sich und später ihrem Umfeld ihre sexuelle Orientierung bewusstmachen. Das ist für die meisten sehr schwer. „Wenn man erkannt hat, dass man anders ist, muss man es auch leben können“, sagt Joachim Stein. Bis man sagen könne: „So bin ich, ich werde mich nicht ändern.“ BDSM an sich spiele sich in der Intimität ab, „im Schlafzimmer“, erklärt Joe Wagner. „Es gibt keinen so großen Druck, sich zu outen.“ Wer mit seinem Partner ein erfülltes Sexualleben hat, das auch BDSM beinhaltet, der braucht kein Coming-out.

Zeitungsverlag Waiblingen, 31.05.2014

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