Erster Stammtisch

Nach meiner Anmeldung im Forum (Siehe auch "Erstes Mal Chat") habe ich natürlich auch gleich mal rumgeschaut, wie das so mit den Stammtischen ist, welche es hier überhaupt in meiner Umgebung gibt und wann die immer stattfinden. Daraufhin stellte ich fest, dass der nächste Stammtisch in Bremen war (Ich wohne selbst ~30km weg von Bremen). Sollte aber vom theoretischen Standpunkt her kein Problem sein. Musste nur eine passende Ausrede für Mama her ;).

Dann habe ich mich auch mal mit MADzger (Bremer Orga) in Verbindung gesetzt bzgl. Stammtisch, Termin und so weiter. War dann schon absolut heiß darauf, den ersten Stammtisch zu besuchen, hatte jedoch ehrlich gesagt, auch äußerst große Bedenken.

Aber ich wollte es unbedingt wissen und habe versucht, die Bedenken erst einmal zu ignorieren. Also kam der 6.6.09, ein Samstag, an dem mein erster Bremer Stammtisch stattfinden sollte. Jetzt musste ich mir natürlich noch eine Ausrede für meine Mama ausdenken, warum ich an einem Samstag nach Bremen fahre. Ich nahm also die am nächsten liegende Ausrede: "Ich geh mit ein paar Leuten in eine Kneipe. Komme aber auch nicht so spät wieder".

Da wurde sie etwas misstrauisch, denn ich gehe sehr selten aus. Also fragte sie "Mit was für Leuten?", worauf ich dann schnell "Mit ein paar aus meinem Kurs" (also aus der Schule), da sie diese eh nicht kennt und somit auch nicht nachfragen kann bei diesen Personen. Denn ich wusste, wenn ich sage: "Mit ein paar Leuten, die ich aus dem Internet kenne", würde sie strikt dagegen sein und es mir verbieten wollen (auch wenn ich schon volljährig bin *lach*).

Also im Vorfeld schon das Alibi gesichert und dann die passenden Verbindungen rausgesucht um auch wirklich pünktlich zu meinem ersten Stammtisch zu kommen. Stammtisch fängt um 19 Uhr an, also 18:28 den Zug, der 18:38 in Bremen war. Genug Zeit also, um zum Lokal zu gehen.

Und da ich noch so viel machen wollte, bevor ich zu meinem ersten Stammi fuhr (welch episches Ereignis *g*), wie rasieren, was Passendes zum Anziehen suchen etc., kam ich dadurch dann in großen Zeitdruck und so verpasste ich meinen Zug.

"Na toll", dachte ich mir und habe den nächsten Termin für einen Zug rausgesucht. Dieser sollte erst um 18:54 in Bremen ankommen. Die große Enttäuschung also: Du kommst zu spät! Was nun, wenn die da alle schon sitzen und du da rein kommst, alle Augen werden auf dich gerichtet und dann fallen sie alle über dich her, wie die Tiere! Und du kommst nicht mehr lebend nach Hause" (Mal abgesehen davon, war das sowieso eine meiner größten Befürchtungen *g*). Also gehofft und gewartet. Letztendlich blieb mir eh nichts anders übrig. Während des Wartens habe ich wieder dutzende Male darüber nachgedacht, warum zum Teufel ich das hier überhaupt mache, was das für Risiken hat und was ich mir davon erhoffe.

Ach mal nebendran: Facharbeit habe ich solange hinausgezögert, dass ich natürlich wieder total in Zeitnot kam. Habe es letztendlich geschafft. Unter Zeitdruck kann ich eben doch am besten arbeiten ;).

Irgendwann kam dann der Zug, und ich hatte gleich zweimal Glück: einen überfüllten Zug zu erwischen (Hach, ist die Bahn nicht toll) und ein Abteil in dem nur Besoffene waren, die einen Junggesellenabschied feierten.

Kam dann auch in Bremen an, gleich die erste Straßenbahn geschnappt, und die eine Station, die ich fahren musste, gefahren.

Ausgestiegen und erst einmal die wackeligen Beine bemerkt. Wieder der Gedanke "noch kannst du umkehren". Es war wie Engelchen und Teufelchen in einem Walt-Disney-Film bei Donald Duck. Die eine Seite appelliert zur Vernunft, aber auch zur Feigheit. Die andere Seite wollte Abenteuer und neue Erfahrungen sammeln. Das Teufelchen hat dann doch den inneren Kampf gewonnen.

Also über die einzige Ampel gegangen. Noch mal überlegt. Die Schritte wurden langsamer. Mittlerweile war es 19:15 und ich ging durch eine lange Unterführung hindurch. Eine, wie man sie aus schlechten Krimis kennt, wo Nachts Prostituierte stehen, Drogen gedealt, Autos geknackt und Leute gekidnappt werden. "Na klasse, das weckt Vertrauen" dachte ich mir, bin dann aber doch weiter gegangen. Die Beine haben es einfach getan und das Engelchen wurd schon verrückt und sprang im Dreieck *g*. Das Lokal lag direkt hinter der Unterführung, also war die Zeit zum Überlegen nur noch recht kurz. Vor dem Lokal blieb ich natürlich noch einmal stehen, blickte auf die Uhr, habe noch mal kurz nachgedacht und bin dann doch reingegangen.

Ich befand mich nun in einer recht kleinen Kneipe, was ich überhaupt nicht erwartet hatte. Ich hatte eine große Kneipe, mit niedriger Decke erwartet. MADzger teilte mir nur mit, dass sich der Stammtisch im Lokal auf einem "Podest" oder so befindet. Also dann gesucht, und eine kleine Treppe mit einer Art Balkon im inneren eines Raumes als den besagten Ort interpretiert. Zielstrebig ging ich (ich glaube sogar, ohne den Wirt oder andere Leute zu begrüßen) auf diese Treppe zu und erklomm das Podest. Meinem Gefühl nach war mein Hirn völlig taub.

Und dann sah ich ihn, das Erkennungsmerkmal des Grauens, auf dem Tisch. Der Stoff der schlimmsten Albträume: ein kleiner süßer SM-Teddy^^. An dem Tisch saßen dann dazu gleich die passenden Gestalten. Zwei Menschen, wie man sie genau aus den Medienberichten kennt. Nein völliger Schwachsinn. Es waren zwei ganz normale Menschen wie man sie auf der Straße kennt. Die hatten weder Lederklamotten, noch irgendeine Ledermütze, etwas auf die Stirn tätowiert oder sonst etwas an sich.

Ich fragte dann also wohl etwas ängstlich "Seid ihr der SMJG-Stammtisch?" worauf dies glaube ich mit dem obligatorischen "Ja wir sind die Perversen" beantwortet wurde *lach* Genau kann ich mich auch nicht mehr erinnern, denn mein Hirn wurde erst ganz langsam wieder wach.

Ich fragte dann, ob noch mehr Leute kämen, denn ich hatte einen Stammtisch mit mind. 10 Personen erwartet, wovon aber nur zwei (ausgenommen meiner Person) da waren. Und so fing mein erster Stammtisch an, bei dem ich wieder feststellen musste, dass die beiden, MADzger und seine Freundin Junky, wirklich sehr nette Menschen sind, wie man sie auch sonst aus dem Leben kennt und den man überhaupt nicht ansieht, was sie für Vorlieben oder sonst irgendwas haben. Schließlich fehlte dazu ja die Lederkappe *g*.

So haben wir uns dann ein paar Stunden nett unterhalten, am Anfang noch recht steif von meiner Seite aus. War ja alles absolutes Neuland für mich. Und ich stellte mir die Frage "Was antwortest du nun, wenn da irgendwas über BDSM angesprochen wird? Schließlich kennst du doch absolut nichts". Aber ich habe dann einfach ehrlich geantwortet, als die Frage nach meiner Ausrichtung kam (die, zu meinem Erschrecken, recht früh gestellt wurde *g*). Aber wir haben auch viel über andere Sachen, neben BDSM, gesprochen.

Eben wie ganz normale Menschen, die ein gemeinsames Themeninteresse haben, nur eben ein etwas anderes Thema, als Fußball, Politik oder sowas.

Ich habe den Stammtisch dann, denke ich, gut hinter mich gebracht und es wurde doch recht spät. Schließlich musste ich noch einen Zug erwischen. Dann fragte mich MADzger, ob er mich zum Bahnhof bringen könne. Dieses Angebot nahm ich gerne wahr, denn es goss inzwischen wie aus Eimern. Aber dann kam es wieder, dieses verfluchte Engelchen: "Was ist, wenn die dich jetzt einfach irgendwohin mitnehmen?" aber nichts passierte, außer, dass mich MADzger und Junky zum Bahnhof gebracht haben und mir eine gute Heimfahrt wünschten.

Ich musste dann noch im Bahnhof etwas auf meinen Zug warten und da konnte ich auch wieder richtig denken: "Das war er also, dein erster BDSM-Stammtisch. Eigentlich garnicht so spektakulär. Aber das war wohl der erste Schritt, dich deinen Fantasien und Vorlieben zu stellen. Jetzt bist du wohl auch einer dieser "Perversen".

© 2009 by GoldBair

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