Gedanken von Kat

Ich denke, eine persönliche Meinung von einer "Betroffenen" könnte mal ganz interessant sein.

Ich schreibe "Betroffene" und habe es ja auch schon in Anführungszeichen gesetzt. Ich empfinde mich nicht als "Betroffene", schließlich ist SM keine Krankheit, sondern lediglich eine sexuelle Neigung, der ich mich zugehörig fühle. Und ich muss sagen, ich bin dieser Neigung gerne zugehörig und sehe sie in keinster Weise als Problem oder gar als Krankheit. Das tut nur die Gesellschaft, die "Normalen", die mit dem Blümchensex. Ich habe verschiedene Theorien, warum sie gegen die SM-Szene sind.

Aber zuerst möchte ich was zu meiner Person sagen. Ich bin weiblich, gerade 18 geworden. Mein Spitzname ist Kat. Wie der zweite Teil vom KitKat. Ich bin devot und weiß das seit nunmehr etwa anderthalb Jahren. Wie ich das rausgekriegt habe, weiß ich nicht mehr. Das Gefühl war immer da, genauso wie das Gefühl, dass ich bi bin. Ich wusste es irgendwie immer und irgendwann ist es mir ganz bewusst geworden. Ich habe eigentlich keine großen Probleme mit meiner Neigung. Ich bin sehr offen, trompete zwar nicht mein ganzes Privatleben in die Welt hinaus, aber wenn man mich ernsthaft fragt, stehe ich gerne Rede und Antwort.

Ich habe sehr nette Freunde, die mich absolut verstehen, obwohl sie meine Neigungen größtenteils nicht teilen. Genauso ist es mit meiner Mutter. Ich hatte schon heftige Diskussionen mit ihr, was SM angeht und ob er "normal" ist oder nicht. Aber was ist schon normal???

Wie man sieht, habe ich überhaupt keine Schwierigkeiten. Ich sehe das eigentliche Problem nicht in der Familie oder im Freundeskreis (obwohl ich mir gut vorstellen kann, dass andere in diesen Bereichen Probleme haben), sondern in der Gesellschaft. Wie gesagt, ich weiß nicht, warum sie so empfindlich auf SM reagieren. Man müsste denen mal genau das Prinzip des SM erklären, einfach mal das Prinzip des "safe, sane and consensual". SM ist etwas ganz anderes als sexuelle Gewalt oder Vergewaltigung. Er basiert auf Vertrauen und gegenseitigem Einverständnis. So lange das gewährleistet ist, kann es anderen Leuten doch egal sein, was die SM-ler machen. Doch es ist ihnen nicht egal. Warum? Warum müssen sie sich immer einmischen?

Klar, wenn es um Minderjährige geht, gibt es ein kleines Problem. Rechtlich gesehen. Aber sehen wir uns mal nicht die rechtliche Seite an, sondern einfach die emotionale.

Was bewegt die Menschen dazu, solch eine abfällige Meinung von den Angehörigen der SM-Szene zu haben? Vielleicht haben sie einfach Angst vor einer Verschmutzung ihrer Gesellschaft, besonders ihrer Jugend. Aber das setzt ja schon voraus, dass sie etwas gegen SM haben. Warum haben sie etwas gegen SM? Vielleicht haben sie Angst, Angst vor sich selbst. Zahlreiche Umfragen und Studien belegen, dass sich viele Menschen nach einer sadomasochistischen Erfahrung sehen, diese Neigung aber nicht zulassen, aus Angst. Angst vor ihnen selbst und den ganzen anderen: vor der Gesellschaft. Das könnte also des Rätsels Lösung sein: Die Leute haben Angst vor sich selber. Sie wagen es nicht über ihren eigenen Schatten zu springen, einfach zu sagen: "Ja, ich werde gerne ausgepeitscht!!!" oder ähnliches. Das ist sehr schade. Wenn alle etwas offener wären, wäre es für alle etwas leichter. Allerdings beinhaltet dies die Vorraussetzung, dass unsere Gesellschaft tolerant sei. Und das ist sie nicht.

Viele betrachten SM wahrscheinlich als etwas widernatürliches. Besonders die gläubigen Menschen. Obwohl es ja gläubige SM-ler geben soll. Habe ich mal gelesen... Wollte sagen: Ich kenne keine. Also, was ist widernatürlich am SM? Vom religiösen Standpunkt aus gesehen ist das klar. Sex hat nur der Fortpflanzung zu dienen und zwar in der einfachsten Form. Okay. Meinetwegen. Aber dann ist ja fast jede Art von Sex widernatürlich. Sobald verhütet wird zum Beispiel. Na ja, aber das wissen wir ja. Okay, vom religiösen Standpunkt her dürfte es eigentlich keinen unterschied geben zwischen SM und Blümchensex mit Kondom.

Weiter: Viele Menschen ziehen die Tierwelt als Argument heran. Letztlich ist das etwas ähnliches wie die Sache mit der Bibel: Sex ist nur zur Fortpflanzung da. Das soll man angeblich sehen, wenn man sich das Verhalten der Tiere anschaut. Pustekuchen. Wenn wir uns das Sexualverhalten von Tieren zum Vorbild nähmen, wäre SM kein Problem. Das gibt es nämlich in der Tierwelt. Genauso wie Vergewaltigungen (Delphine), Selbstbefriedigung (Schimpansen), Gruppensex, Dauersex (alle 90 min im Durchschnitt bei einer bestimmten Affenart), Analverkehr und und und. Das Argument zieht also in keinster Weise.

Es ist verdammt schwierig, eine Erklärung für die Abneigung zu finden. Ich verstehe es selber nicht. Warum lasst ihr die Menschen nicht einfach tun, was ihnen gefällt? Warum müsst ihr euch einmischen? Und wenn ihr euch schon einmischt, dann guckt doch wenigstens mal genau hin und hört genau zu.

Ich finde es sehr wichtig, dass Aufklärungsarbeit geleistet wird in diesem Bereich, aber wie soll man über ein Tabuthema allgemein aufklären? Wie soll man einer Gesellschaft Toleranz beibringen? Das wäre eine verdammte Lebensaufgabe, aus diesem Teufelskreis herauszukommen.

Ich bedanke mich sehr bei den Initiatoren dieser Seite. Es ist wichtig, dass gerade die Jugendlichen, die die Zukunft unserer Gesellschaft bilden, festen Boden unter den Füßen haben und selbstsicher der Gesellschaft gegenüber treten können, weil sie wissen: Ich habe eine Lobby, die für mich da ist.

© 2002 by Kat

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