Outing I

„Was ist das denn?“ Mit dieser Frage begann die längste Woche meines Lebens.

Ich bin siebzehn Jahre alt und beschäftige mich seit etwa zwei Jahren bewusst mit meinen Neigungen, die hauptsächlich in Richtung Bondage gehen, aber auch sadomasochistische Anteile haben. Ich bin viel im Internet gesurft, und als ich dann vor ein paar Monaten einen neu gegründeten Stammtisch in meiner Nähe fand, bin ich spontan hingefahren. Ich wurde freundlich empfangen, allerdings sollte ich doch mit dem nächsten Besuch bitte bis zu meinem 18. Geburtstag warten, da durch meine Anwesenheit bei so einem offiziellen Treffen rechtliche Probleme entstehen könnten. Ich unterhielt mich an dem Abend noch mit einer netten, jungen Frau über das Buch ‚Wahl der Qual’ und entschied mich, es mir bei amazon.de zu bestellen – natürlich über den Link bei smjg.org *g*. Besagtes Buch veranlasste mich wenig später meinen Bruder über die ach so dunkle Seite meiner Seele aufzuklären und er hat es auch recht locker aufgenommen. Das Buch lag auf einem Tisch als in dem Moment meine Freundin vorbeikam. Ich hatte es schon ganz vergessen, als sie es in die Hand nahm, darin herumblätterte und fragte: „Was ist das denn?“ Sie war für den restlichen Abend deutlich verstört, aber statt sie aufzuklären, hoffte ich, sie würde sich nichts dabei denken. Am nächsten Tag sprach sie mich darauf an, und nach einer regen Grundsatzdebatte, ob das jetzt ‚normal’ ist oder nicht, fragte sie mich, ob ich selber solche Neigungen habe, was zu dem Zeitpunkt zu verneinen völlig schwachsinnig gewesen wäre.

Wir konnten an dem Abend nicht mehr weiterreden, aber haben abgemacht, uns am nächsten Morgen zum Frühstück in der Stadt zu treffen.

Am nächsten Morgen trafen wir uns dann also auf neutralem Territorium, um uns darüber zu unterhalten, wie es jetzt wohl weitergeht. Sie sagte mir, sie bräuchte erst mal etwas Zeit, um sich selbst darüber klar zu werden, ob sie damit umgehen kann oder nicht. Sie erbat sich etwas Distanz von mir in den darauffolgenden Tagen, was sich nicht als sehr einfach herausgestellt hat, da wir die selbe Schule und viele Kurse gemeinsam besuchen.

An dieser Stelle ein Tipp an Alle, die vorhaben ihrer Freundin/ihrem Freund davon zu erzählen: alles ganz, ganz langsam angehen. Versuche nicht, ihr/ihm alles auf einmal zu erklären. Wie sie mir später sagte, ist das Ganze von vorneherein auf unfruchtbaren Boden gefallen, da wir sowieso schon gewisse Kommunikationsprobleme hatten, die sich auch negativ auf die Sexualität in unserer Beziehung ausgewirkt haben. Ich glaube daraus ganz allgemein schließen zu können, dass es eine sehr gute Vorraussetzung für ein Outing ohne katastrophale Folgen ist, wenn man auch ansonsten sehr ehrlich zueinander ist und Probleme immer sofort anspricht. Das dies nicht immer der Fall bei uns war, hat die Dinge sicherlich nicht einfacher gemacht.

Aber zurück zur Geschichte. Zu wissen, dass ich nichts machen konnte außer auf ein Zeichen von meiner Freundin zu warten, welches natürlich auch bedeuten konnte, dass sie mit mir Schluss macht – das hat mich ziemlich fertig gemacht. Was machte ich also? Ich brauchte ja irgendjemanden, dem ich mein Leid klagen konnte, und klärte nach meinem Bruder auch meine Mutter auf und wenige Stunden später war meine Schwester dran. Nun saß ich also da, hatte 3/5 meiner Familienangehörigen aufgeklärt und wurde trotzdem wortwörtlich von Minute zu Minute mutloser.

Die nächsten viereinhalb Tage ist nicht viel passiert. Wir gingen zur Schule, waren uns innerlich so weit fern wie noch nie. Nicht ein einziges Mal in zehn Monaten USA-Austausch habe ich sie so sehr vermisst, wie in diesen Tagen, in denen ich ihr doch technisch gesehen so nah war.

Dann am Freitag endlich das erlösende Gespräch. Sie habe vorerst genug darüber nachgedacht und sei zu dem Schluss gekommen, dass sie wohl damit umgehen könnte. Vorrausgesetzt, wir reden zwar darüber, aber ich verlange nicht von ihr, mich zu fesseln oder ähnliches. Mit dieser Lösung war ich rundum zufrieden, da es sowieso das war, was ich mir vorgestellt hatte.

Im ganzen kann ich nur sagen, ich bin froh, dass sie und 3/5 meiner Family es wissen. Natürlich muss es letztlich jeder selber entscheiden und es gibt bestimmt Fälle, wo davon abzuraten ist. Wenn aber in einer Beziehung alles stimmt und niemand unter Druck gesetzt wird, kann meiner Meinung nach so ein Geheimnis eher Schaden anrichten als vermeiden.

© 2001 by Philipp

Hinweis:

Erfahrungsberichte geben nicht unbedingt die Meinung der SMJG wieder. Wir behalten uns vor, eingesande Erfahrungsberichte gekürzt zu veröffentlichen.

Es wäre schön, hier noch weitere Erfahrungsberichte ins Netz stellen zu können - bitte sendet eure selbstgeschriebenen Erfahrungsberichte an redaktion(at)smjg.org!