Outing III

Ich bin gebeten worden, einmal meine Erfahrungen zum Thema „Eltern, BDSM und Outing" aufzuschreiben, also schildere ich euch ein wenig meiner Geschichte:

Alles fing damit an, dass die smjg einen Stammtisch in Dortmund gegründet hat, den ich gerne besuchen wollte. Mit meinen damals 14 Jahren benötigte ich dafür natürlich die Erlaubnis meiner Eltern und so hab ich im Auto, als meine Mutter und ich alleine waren, mal vorsichtig angefangen, mich vorzutasten, wo denn die Toleranzgrenze meiner Eltern wäre.

„Mama, du, im Internet gibt's da so ne Seite, smjg heißen die, die haben ein Forum, und in Dortmund ist ein Stammtisch gegründet worden... magst du dir das vielleicht mal anschauen? Weil ich gerne auf den Stammtisch gehen würde..."

„Ja, gib mir mal gleich zuhause die Webadresse von denen."

Gesagt getan, ich hab mich dann zusammen mit meiner Mutter durch die smjg-Webseite gearbeitet, ihr in allen Einzelheiten alles erklärt, danebengesessen und Fragen beantwortet, damit da kein Bild in ihrem Kopf entsteht, bei dem alte Männer junge, submissive Mädchen vergewaltigen.

Soweit, so gut, ich dachte, das schlimmste wäre überstanden. Meine Mutter schien einigermaßen ruhig zu sein und zu akzeptieren, dass ihre Tochter nicht ganz so normal ist, wie andere.

Die komplette Prozedur wurde dann noch einmal mit meinem Vater durchlaufen, auch ihn habe ich begleitet bei seiner Tour durch die smjg.

Danach wurde das Thema eine Woche lang nicht angesprochen, bis ich wieder auf meine Eltern zugegangen bin, weil der erste Stammtisch näherrückte und ich doch gern bei der Gründung dabei gewesen wäre.

Die Antwort auf meine vorsichtige Frage war diese:

„Ja, Kind, wir haben uns das noch einmal durch den Kopf gehen lassen, du bist doch krank, eigentlich müssten wir dich anzeigen, wenn du nicht unsere eigene Tochter wärst, das ist doch nicht normal, du brichst den Kontakt zu allen aus dieser komischen Szene ab!"

Ziemlich vor den Kopf gestoßen hab ich nachgefragt, warum meine Eltern so denken, was denn auf einmal los sei.

„Du schläfst eh mit allem, was nicht bei drei aufm Baum ist, gibs zu. Du warst auch schon mit den Leuten da von der smjg im Bett, richtig?!"

Diesen falschen Eindruck konnte ich nicht mehr richtig rücken, die ganze Sache wurde mit jedem Tag schlimmer, meine Mutter hatte Angst, dass ich mit „irgendwelchen 24-Jährigen Grufties SadoMaso im Keller betreibe", mein Vater hatte Angst um die Jungfräulichkeit seiner Tochter...

Aber hauptsächlich ging es meinen Eltern um eines:

„Aber, Kind, die Gesellschaft, was soll die Gesellschaft von uns denken?! Wir waren ja früher auch so, bis wir gesund geworden sind... aber wir haben nie versucht, da eine Gemeinschaft zu bilden, das ist doch krank! Wie bekommen wir dich da nur wieder raus? Wenn du, bis du 21 bist, nicht gesund bist, kommst du in die Psychiatrie."

Tief verletzt, darüber, dass meine Eltern mich so beschimpften, als „Schlampe" und mehr, habe ich mich immer mehr zurückgezogen aus der Familie und bin in der smjg aktiver geworden.

Zwei, drei Wochen später kam meine Mutter zu mir, mit den Worten „Doddo, bist du jetzt wieder gesund geworden, oder machst du immer noch diesen Müll?"

Als sie daraufhin in meiner Chronik bei Firefox die smjg-URL gesehen hat, wurde mein Bruder damit beauftragt, mein Internet komplett zu sperren, bis auf einige erlaubte Seiten, wie zum Beispiel wikipedia.de, der Instant Messenger wurde blockiert, ich durfte quasi nichts mehr mit meinem eigenen Rechner.

Außerdem durfte ich das Haus nicht verlassen, ohne dass meine Mutter genau wusste, wo ich bin und eine Bestätigung von den Eltern der Leute hatte, bei denen ich war.

Dieser Kontrollzwang hat mich fast in den Wahnsinn getrieben, ich durfte gar nichts mehr, nur weil ich ein wenig anders bin als andere. An dieser Stelle habe ich mir Freunde gesucht, die genau so „anders" waren, wie ich es war und bin.

Diese Freunde hab ich größtenteils in der smjg gefunden, der Organisation, bei der meine Eltern Angst vor pädophilen Vergewaltigern hatten.

Mein Fazit aus dieser Geschichte ist, dass ich mich nicht mehr freiwillig vor meinen Eltern outen würde, allein schon um diesen Familienstress zu verhindern, der seitdem nicht mehr aufgehört hat.

Allerdings muss das nicht für alle Eltern gelten, es gibt ja auch solche, die tolerant sind und ihren Kindern die Freiheit lassen, die diese brauchen.

Wer sich dazu entschließt, seinen Eltern die eigene deviante Neigung offenzulegen, sollte diese auf dem Weg des Entdeckens begleiten und eventuell aufkommende Vorurteile und Ängste sofort bekämpfen. Wenn sich ein Gedanke erst einmal festgesetzt hat, wird das ein schwerer Kampf, diesen wieder loszulösen.

Es ist auch schwer, unter all dem elterlichen Druck den Mut nicht zu verlieren und zu sich selbst zu stehen.

Ich wünsche allen, die den Weg des Outings beschreiten, viel Erfolg!

© 2009 by Doddo

Hinweis:

Erfahrungsberichte geben nicht unbedingt die Meinung der SMJG wieder. Wir behalten uns vor, eingesande Erfahrungsberichte gekürzt zu veröffentlichen.

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