10 Jahre SMJG

(aus: Schlagzeilen, Ausgabe 110, S. 33f, Charon-Verlag, 06/2010)

Vor genau 10 Jahren stand ein 15-jähriger Jugendlicher vor einem schweren Problem: er war auf der Suche nach altersgerechten Informationen zum Thema einvernehmlicher Sadomasochismus, da er selbst bei sich BDSM-Neigungen entdeckt hatte und diese nun gerne weiter verfolgen und ausleben wollte. Doch bei den entsprechenden Artikeln im Netz war wenig bis gar nichts Passendes vorhanden und bei den lokalen Stammtischen seiner Region wurde er, da noch lange nicht Volljährig, gar nicht erst zugelassen. Nach einem Gespräch mit erfahrenen Szeneleuten aus der Schlagzeilen-Redaktion, welche ihm zurieten, beschloss er kurzerhand, selbst etwas auf die Beine zu stellen. So gründete er die erste, explizit auf Jugendliche zugeschnittene Mailingliste, welche sich mit Themen rund um BDSM beschäftigen sollte. Damals wurde diese Liste noch vom Anbieter Yahoo gehostet.

Diese Mailingliste war 2000 die Geburtsstunde der SMJG, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Bestehen und zugleich ihre Eintragung als gemeinnütziger Verein feiert.

 

Was als Einzelinitiative eines Jugendlichen gestartet war, nahm über die Jahre immer größere Züge an. Ohne, dass die direkt Beteiligten es bewusst in eine Richtung gelenkt hätten, wuchs das Projekt durch das Engagement der Nutzer.

 

Gerade das Forum und der Chat, die einer der Admins der ersten Stunde komplett in Eigenarbeit erstellte und die Ende 2000/Anfang 2001 bereits online gingen, wurden begeistert aufgenommen. Man fing an, sich die Arbeit zu teilen und mehr ehrenamtliche Helfer ins Boot zu holen, die das Projekt hinter den Kulissen betreuen konnten.

 

Plötzlich waren die drei Admins, die nach und nach zusammen gekommen waren und das ganze angestoßen hatten, nicht nur damit beschäftigt, die massive Datenflut der vielen Nutzer zu verwalten, sondern wurden im Online-Chat auch schnell Seelsorger und Betreuer vieler verzweifelter Teenager, welche zum ersten Mal mit einem anderen Menschen über ihre BDSM-Sehnsüchte sprechen konnten.

Liest man die dazu gehörenden Einträge im Gästebuch der Homepage und im entsprechenden Thread im SMJG-Forum, kann man erkennen, wie verzweifelt manche der Jugendlichen waren, als sie auf die SMJG gestoßen sind. So schreibt etwa eine Nutzerin aus Berlin: „Ich wollte mich bloß für diese Seite bedanken! Sie hat mir bereits ungemein geholfen, einfach nur weil sie existiert, solch eine Jugend-Seite zu diesem Thema. Ich fühle mich nicht mehr ganz so seltsam wie noch für einer Stunde...Danke und weiter so!“ Ein anderer Besucher der Internetseite ist noch direkter: „Ich hätte fast geheult, als ich eben eure Seite gefunden hab. Das tut so gut, wenn jemand auf die Sexualität in so einem unsicheren Alter wie meinem Rücksicht nimmt. Danke!“

Von der Resonanz und dem Erfolg des Projektes selbst überrascht, zogen sich manche Admins der ersten Stunde zurück, da ihnen die ganze Sache einfach zu viel wurde. Doch schnell folgten ihnen neue und genauso stark engagierte Menschen nach, so dass das Projekt weiter wuchs und voran getragen wurde.

Auch technisch arbeitet man im Hintergrund immer weiter an der Internetplattform, um dem bis heute stetig wachsende Interesse gewachsen zu sein. Die als Austausch- und Informationsplattform für die jugendlichen und junge erwachsene BDSMler konzipierte Seite wuchs und mit ihr ihre Angebote. Nach und nach kamen weitere Dienste hinzu, wie z.B. ein eigenes Sorgentelefon. . Sehr begeistert wurden auch die Erfahrungsberichte aufgefasst, welche den Neuankömmlingen erste Hilfestellungen und gute Einblicke liefern konnten.

 

Und auch die reale Welt wurde immer stärker mit einbezogen. Nachdem sich einige Nutzer der Webseite und des Chats ganz spontan zu einem gegenseitigen Kennen lernen in München trafen, entstanden die ersten Stammtische mit regionalen Helfern. Was damals sehr spontan und ungeplant ablief, gehört heute zum festen Programm in der Szene. Eine Nutzerin aus Karlsruhe und ihr Partner etwa langweilten sich etwa eines Abends im Österreichurlaub: „Also schauten wir in der "Indiziert" online nach, was es denn so tolles Abends in Klagenfurt zu tun gäbe. Und da stießen wir auf den SMJG-Stammtisch, der sich eben genau an jenem Abend traf. Da sind wir dann auch einfach hingegangen“.

Zu den SMJG-Stammtischen kommen inzwischen jedes Jahr fast 4000 junge Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Nach und nach entwickelte sich so eine feste Nutzergemeinschaft, welche aktiv die Stammtische und die Onlineplattform besucht. Heute zählt das Forum 4500 angemeldete Benutzer mit insgesamt 110.000 Beiträgen. Auch die entstandene Homepage erfreut sich stetig wachsender Beliebtheit.

Neben den lokalen Stammtischen gibt es seit 2003 auch das so genannte Channeltreffen: Ein ganzes Wochenende lang können sich die Nutzer des Forums und des Chats gegenseitig real kennen lernen. Als Rahmenprogramm werden Workshops zu unterschiedlichen BDSM Themen angeboten, welche von Bondage von Anfängern bis hin zu Erste-Hilfe-Kursen reichen. Denn nach wie vor versteht sich die SMJG und ihre Helfer und Organisatoren als Informations- und Hilfsprojekt, das für Jugendliche mit ihren Fragen und Nöte da ist.

Doch gerade innerhalb der etablierten Szene stieß man mit dem Vorhaben, BDSM und Jugendliche zusammen zu bringen am Anfang auf starke Skepsis und auch einige Kritik. Nach der Vorstellung des Projektes beim BDSM-Treffen im Waldschlösschen 2003 gab es mit einigen Vereinen Reibereien. Durch Fehler in der Kommunikation auf beiden Seiten wussten diese nicht, was sie von der SMJG halten sollten. Gerade, da die meisten der Organisatoren noch minderjährig waren, erschien ihnen die ganze Sache äußerst zweifelhaft und dubios. Doch in der nachfolgenden Zeit konnten persönliche Kontakt zwischen den SMJGlern auf der einen Seite und vielen Engagierten aus den diversen etablierten Netzwerken auf der anderen Seite aufgebaut werden. So unterhält man heute eine starke Kooperation mit dem BVSM und SMigo, außerdem gute Kontakte zum Fetisch Referat der Uni Ulm, dem Schlagwerk Hamburg, Libertine, FetishU30, BDSM Berlin e.V. und anderen.

 

Was als rein deutschstämmiges Unterfangen begonnen wurde, erstreckt sich heute über die gesamten deutschsprachigen Länder sowie die BeNeLux-Staaten. Die Online-Plattform hat aber auch Besucher aus Frankreich, Luxemburg, Belgien, Holland und Schweden.

Inzwischen teilen sich 9 Admins und über 90 Organisatoren der lokalen Treffen die Arbeit. Doch ohne das Engagement vieler weiterer, motivierter Menschen würde die SMJG in ihrer heutigen Form mit ihren vielfältigen Aktionen gar nicht existieren. So ist die SMJG seit einigen Jahren auf vielen großen Fetisch- und SM-Messe mit einem eigenen Stand vertreten. Auch bei den Veranstaltungen zum CSD in vielen Städten beteiligt man sich inzwischen gerne.

Passend zum zehnjährigen Geburtstag hat man nun auch die Eintragung als gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin erreicht, ein Unterfangen, das man bereits im Jahre 2002 anstrebte. Da wurde den ursprünglichen Initiatoren zum ersten Mal klar, was sie für eine Bewegung angestoßen haben. Von der nun erfolgten Vereinseintragung erhoffen sich die ehrenamtlichen Organisatoren und Admins Erleichterung der täglichen Arbeit. So wird z.B. mit einer deutlich steigenden Akzeptanz und Wahrnehmung der Jugendarbeit im Bereich Sexualität, BDSM und Fetischismus gerechnet.

Um das Jubiläum jetzt auch groß zu feiern, hat die SMJG einen Kreativwettbewerb ins Leben gerufen: Unter dem Motto: "Wie hat SM euer Leben verändert oder einen Platz in eurem Alltag gefunden" kann jeder ab 18 Jahren sich kreativ austoben und seine Arbeiten als digitale Bilddatei einreichen.

Über alle Einsendungen werden die SMJG-Forennutzer auf der Homepage abstimmen und ihre Sieger wählen. Die besten Einsendungen erhalten SM-ige Preise von Partnern und Sponsoren der SMJG:  etwa eine Singeltail und ein Paar Fesselmanschetten von McHurt, eine Übernachtung im Bondage-Domizil in Hamburg für zwei Personen, einen Handpranger von Yiffytoys, prickelnde Bücher vom Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag oder 2 Gutscheine für eine Workshop von Baumwollseil.de zum Thema Bondage oder Spanking. Eine Gewinnerin bekommt zudem ein auf Maß gefertigtes Perlenhalsband von Spitz Maßdesign nach eigenen Wünschen auf den Leib geschneidert. Außerdem werden unter allen Einsendungen Shirts von Dome Fetisch verlost.

Einsendeschluss dafür ist der 01.07.2010.

Alle Details rund zum Wettbewerb und die Teilnahmebedingungen finden sich auf der SMJG-Homepage.

Wenn man eines nach der ganzen Zeit festhalten möchte, dann dass die SMJG von den Menschen vor und hinter den Kulissen lebt. Die Nutzer haben das ganze Projekt mit voran getrieben und mit eigenen Ideen gefüllt, während die Orgas und Admins hinter den Kulissen die Infrastruktur und Organisation aufgebaut haben.

So ist es schwer, einzelne Namen zu nennen. Die SMJG ist eine gewachsene Gemeinschaft, zu der alle Nutzer ihren Teil beigetragen haben.

‚aZrael’, ‚Ratti’ & ‚Tigakatze’

in: Schlagzeilen, Ausgabe 110, S. 33f, Charon-Verlag, 06/2010